"Kastraten" in Halle (Saale) - ein Opferspiel
... eine gelungene Gratwanderung von Tina Hartmann zwischen Oper und Schauspiel
© Gert Kiermeyer
Schauspielerin Juliane Hollerbach und Sopranist Robert Crowe überzeugten als Felice Salimbeni und Teresa. Die Inszenierung "Kastraten - Gesang nach Messers Schneide" im Löwengebäude der Universität in Halle (Saale) erntete frenetischen Applaus.
© Gert Kiermeyer
Kastraten hat mit unerfüllbaren Sehnsüchten zu kämpfen. Das Gründen einer eigenen Familie blieb ihnen versagt. Verzweiflung und Hass gegen ihr eigenes Schicksal waren nicht selten die Folge.
© Quelle: myrsini.margaritis.eu
Bestechend schön und leidenschaftlich der Gesang von Myrsini Margariti, die ihre Stimme der Teresa lieh.
Den roten Faden des Abends zogen die Kastraten Felice Salimbeni (Robert Crowe) und Porporino (Roland Schneider), sowie Salimbenis Geliebte Teresa (Juliane Hollerbach und Myrsini Margariti). Es ging um die unerfüllbare Sehnsucht nach Familie eines Kastraten, um Hass auf das eigene Schicksal und um die verzweifelte Suche nach Liebe.
Tina Hartmann (Konzept und Dramaturgie) ging mit Regisseur Hendrik Müller auf Forschungsreise zu Schicksalen von Kastraten, die besonders im Barock sehr beliebt waren, da Frauen von der Bühne verbannt worden sind, selbst in Kirchen durften sie nicht singen. Also mussten Männer Frauenrollen spielen und auch singen. Besonders Knaben mit einer klaren hellen Stimme unterzog man vor der Pubertät einer Kastration, in der Hoffnung, dass der Stimmbruch nicht einsetzen möge. Natürlich spielte Armut auf der einen Seite und Geldgier auf der anderen Seite hier eine große Rolle, so dass Eltern manche Eltern mehr auf den blinkenden Taler schielten, als auf das spätere Leben ihres Sohnes als Mann.
Insofern war es konsequent, dass Tina Hartman mit „Kastraten“ Sprünge in die heutige Zeit und in die Zukunft machte, während sie die Geschichte von Felice Salimbeni und Teresa erzählte.
So holte sie u.a. Steffi Graf, gespielt von Axel Gärtner – der ohnehin die beste schauspielerische Leistung des Abends in den verschiedensten Rollen ablieferte, auf die Bühne und ließ die alte und gebrechliche Tennisspielerin in der Zukunft im Rollstuhl mit kaputten Knien sitzen, während sie mit Erfolgen aus ihrer Karriere prahlte, die - ebenso wie bei Kastraten - bereits im Kindesalter begann.
Die Einfälle von Tina Hartman waren üppig und provokant. Besonders der schnelle Wechsel der Bilder und Szenen ließ dem Zuschauer keine Gelegenheit für den berühmten Sekundenschlaf, der auch an manchen Theaterabenden droht. Dass ihre Ideen überzeugend beim Publikum ankamen, ist nicht nur den Schauspielern des Thalia-Ensembles zu verdanken. Neben Axel Gärtner musste auch Conny Mews ein extremes Pensum an Rollen und den Wechsel zwischen ihnen absolvieren. Die Leichtigkeit ihres Spiels ging immer mehr verloren, um so näher das Ende der Aufführung nahte. So war ihr die Erschöpfung beim Schlussapplaus deutlich anzusehen.
Leidenschaft hinterm Notenpult und auf der Bühne
Ob der Ausfall – wegen Krankheit - von Susannah Haberfeld (Mezzosopran) für den Premierenabend ein Verlust war, konnte das Publikum schlecht beurteilen. Aber Juliane Hollerbach, die die Rolle von Teresa an diesem Abend übernahm und spielte, während sie von Myrsini Margariti gesungen wurde, überzeugte in ihrer Darstellung der Teresa. Es schien als durchlebte Juliane Hollerbach mal Verzweiflung, mal Stolz, mal Sehnsucht und mal kämpferisches Aufbegehren auf der Bühne. Und wer nicht nur dem Gesang von Myrsini Margariti folgte, sondern auch den Blick zu ihr hinter das Notenpult richtete, verstand warum Myrsini Margaritis leuchtender und eindringlicher Sopran so leidenschaftlich auf die Zuhörer eindrang. Margariti lieh Teresa ihre Stimme unter vollen körperlichen Einsatz und folgte auch sonst dem Spiel auf der Bühne mit Begeisterung. Unfreiwillig war es eine weitere gelungene Collage des Abends, die Sangeskunst der Griechin Myrsini Margariti verwoben mit dem Spiel von Juliane Hollerbach. Nur auf das Andeuten, als würde Teresa jetzt singen, hätte die Mimin Hollerbach getrost verzichten können. Aber diese peinlichen Momente waren nicht geeignet den Gesamteindruck des Abends zu zerstören.
Dass der Abend natürlich auch ein gelungener musikalischer Genuss geworden ist, ist nicht zuletzt den Musikern der Staatskapelle Halle zu verdanken, die unter dem Dirigat von Barbara Rucha (Arrangement und musikalische Leitung) sichtbar und hörbar viel Spaß an der Inszenierung hatten. Souverän begleiteten sie die Sänger und Sängerinnen mit Musik von Händel, Purcell, Farinelli, Monteverdi oder Schubert.
Ob Tina Hartmann für diese Inszenierung abermals einen Preis bei den Kritikern (Kritikerpreis im Jahr 2005 für die beste Uraufführung) abräumen kann, das muss abgewartet werden. Dem Publikum in Halle (Saale) hat jedenfalls ihre Gratwanderung – zwischen Schauspiel und Oper – viel Vergnügen bereitet und Regisseur Hendrik Müller hat die Ideen von Tina Hartmann stimmig und manchmal leicht provokant umgesetzt.
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