Halle (Saale) - 21. April 2009 | salikus.de

Handel Special Day: Ganz Europa jubelt Händel zu

Auftakt und Gedächtniskonzert in der Marktkirche von Halle (Saale)

Über 40 Radiostationen Europas übertrugen am Sonntag aus acht europäischen Ländern Konzerte mit Musik von Georg Friedrich Händel. Das Eröffnungskonzert zum „Handel Special Day“ in Halle (Saale) wurde von den Fernsehsendern ARTE und MDR live ausgestrahlt. Dirigent Howard Arman vereinte vier Chöre und zwei Orchester zu einem gewaltigen Klangkörper.

Bild: Howard Arman dirigiert in der Taufkirche von Georg Friedrich Händel

© Thomas Ziegler

Howard Arman hatte einen beeindruckenden Klangkörper zu Verfügung. Er dirigierte am Sonntag eine Rekonstruktion des Gedächtniskozertes für G.F. Händel aus dem Jahre 1784. Das Konzert war Auftakt für den "Handel Special Day" der 40 europäischen Radiostationen.

Bild: Vier Chöre sangen vereint aus Händels Werken

© Thomas Ziegler

Der Chor des Mitteldeutschen Rundfunks, der Händelfestspielchor, die Hallenser Madrigalisten und der Chor der Oper Halle überzugten am Sonntag nicht nur durch kraftvolle Einsätze sondern auch mit großer Diziplin und Klarheit.

Bild: Zwei Orchester und Howard Arman bei der Generalprobe

© Thomas Ziegler

Neben den vier Chören folgten auch The English Concert und das Händelfestspielorchester Halle dem Dirigentenstab von Howard Arman in der Marktkirche von Halle (Saale) - hier bei der Generalprobe am Samstag. Zu seinen Füßen am Dirigentenpult das Taufbecken, an dem Georg Friedrich Händel einst getauft wurde.

Bild: Reichel-Orgel in der Marktkirche Halle (Saale)

© Thomas Schult

An der Reichel-Orgel (1663 bis 1664 für 200 Taler erbaut) lernte einst Georg Friedrich Händel das Orgelspiel. Am Sonntag saß Irénée Peyrot am Spieltisch.

Die Taufkirche von Georg Friedrich Händel, die Marktkirche „Unser lieben Frauen“ in Halle (Saale), war am Sonntag bis auf den letzten Platz besetzt. Gelockt hat die Ankündigung einer Rekonstruktion eines Konzertes in der Westminster Abbey in London, das 1784 während der Händel-Gedächtnisfeier aufgeführt wurde.
„Schon in der Frühe dieses Tages, dessen Witterung sehr günstig war, stiegen Personen aus allen Ständen aus ihren Wagen, vor Ungeduld und Besorgniß, dass sie keine Plätze bekommen würden“, berichtet ein Zeitzeuge vom 26. Mai 1784 in London.
So ähnlich hätte Dr. Karl Burney auch den sonntäglichen Morgen vor der Taufkirche des Komponisten beschreiben können. Doch das große Gedränge, von dem er wenige Zeilen später schreibt, hielt sich in Halle (Saale) in Grenzen. Auch wenn viele Besucher in der Hoffnung kamen, dass die eine oder andere reservierte Karte nicht abgeholt wird.

Die Mäzenen des 21. Jahrhunderts
„… ehe die Musik anfieng, wurden alle Thüren verschlossen, und Niemand mehr eingelassen, als Ihro Majestäten und Deren Gefolge, die bald nach zwölf kamen“, so der Zeitzeuge vor 225 Jahren.
Bevor in Halle (Saale) das eigentliche Konzert erklang, kamen die feierlichen Reden der Mäzene unserer Zeit. Wolfgang Böhmer, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, und Dagmar Szabados, Oberbürgermeisterin von Halle (Saale), legten zudem Wert auf Pünktlichkeit. Auch das Hofgefolge, respektive Kabinett und Rathausmitarbeiter, fiel bescheidener aus. 
Nach dem Allegro aus Händels Concerto grosso op.6, Nr. 7 B-Dur, meldeten sich die Oberbürgermeisterin und der Ministerpräsident zu Wort. Was insofern erwähnenswert ist, da Böhmer eine nahezu emotionale Rede gehalten hat, leidenschaftlich allemal. Denn seine Abrechnung mit einem Artikel aus dem Feuilleton der Tageszeitung "Die Welt" schien ihm am Herzen gelegen zu haben und somit als roter Faden für seine Festrede zu dienen. So wollte er den Vorwurf, dass man die Händel-Pflege nur halbherzig betreibe, nicht stehen lassen und verwies auf die jährlich fließenden Gelder in die Händel-Haus-Stiftung. Auch sei der Vergleich von Halle (Saale) mit Nowosibirsk nicht haltbar und lasse die Intentionen des Schreibers erkennen; wobei Böhmer anzweifelte, ob der Autor jemals in Halle gewesen sei.
Artikel in "Die Welt" (Online-Version) zum Nachlesen: Ein Komponist zum Selberbacken
Die Mehrheit des Publikums im Kirchenschiff teilte wohl diese Meinung und dankte es dem Ministerpräsidenten mit einem begeisterten Applaus.
Versöhnlich waren die anschließenden Klänge an der Reichel-Orgel, das virtuose Spiel des Organisten Irénée Peyrot und das süße Schnalzen der Anblasgeräusche in den leisen Passagen umschmeichelte die Ohren des Publikums, bevor es in ein kurze Pause ging und das eigentliche Konzert beginnen sollte.

Gewaltige Stimmen und Orchesterklänge
„Erwartung und Sehnsucht nach dem ersten Bogenstrich stiegen nun bis zum höchsten Gipfel der Ungeduld, als das tiefste und feyerlichste Stillschweigen sanft unterbrochen wurde, durch die Prozessions-Symphonie der Krönungsmotette“, schreibt der Augenzeuge aus dem Jahr 1748.
Pünktlich um 11:00 Uhr stürmte dann auch eine Klangwelle in das Kirchenschiff hinein. Die Chöre des Mitteldeutschen Rundfunks, vom Händel-Haus Halle, der Oper Halle und die Hallenser Madrigalisten sangen mit geballter Kraft aus Coronation Anthem die erste Hymne „Zadok the Priest“. Das Orchester vor dem Altar in der Marktkirche setzte sich aus The English Concert und dem Händelfestspielorchester Halle zusammen, die zudem auf historischen Musikinstrumenten spielten.
Dirigent Howard Arman hatte mit den vier Chören und den zwei Orchestern einen gewaltigen Klangkörper zur Verfügung, der der Hymne, aus Anlass der Krönung von Georg II. komponiert, mehr als gerecht werden konnte. „Gänsehaut und feuchte Augen waren nicht vermeidbar“, wie eine Konzertbesucherin am Ende sagen sollte.
„Zadok the Priest“ ist wohl der bekannteste Teil der Coronation Anthems und berichtet von der Salbung Salomos durch den Priester Zadok und dem Freudenjubel des Volkes. Dieser Jubel wurde live über 40 europäische Radiostationen und die Fernsehsender MDR und ARTE nach Europa hinausgeschmettert.
Was dann folgte, war ein Best Of aus dem umfangreichen Werk von Georg Friedrich Händel, welches immerhin über 600 Einträge im Händel-Werke-Verzeichnis (HWV) zählt.
Ob die Ouvertüre aus dem Oratorium Esther (HWV 50a) oder der Chor „Glory be to the Father“ aus dem Jubilate für den Frieden von Utrecht „O be jofull“ (HWV 279), das Klangerlebnis in der Taufkirche Händels war überwältigend und berauschend.
Howard Arman lieferte mit seinen Musikern und Sängern ein zweistündiges Konzert ab, dass zu Recht ein Ereignis genannt werden darf und sich den meisten Zuhörern als Höhepunkt des Händel-Jahres einprägen wird.

13 Stunden Barockmusik live
Der Auftakt in Halle (Saale) war gelungen und zugleich eine bombastische Werbung für die Stadt Halle (Saale). Sieben weitere Konzerte aus Rom, Zagreb, Budapest, Warschau, Lissabon, London und Stockholm folgten.
Um 19:30 Uhr gab es die Live-Übertragung der FIGARO-Gesprächsrunde mit Dr. Hanna John - Chefin der Händelfestspiele Halle (Saale), Ragna Schirmer - Pianistin und Händelinterpretin, Howard Arman - MDR-Chordirektor und Rolf Seelmann-Eggebert - Journalist und Autor. Sie versuchten alle auf unterschiedliche Weise der Person Händels etwas näher zu kommen, doch am Ende waren sie sich einig: Händel kommt man am besten nahe, in dem man seine Musik hört.

Wiederholungen des Gedächtniskonzerts aus der Marktkirche in Halle (Saale) gibt es am 26. April 2009 um 19.00 Uhr, am 1. und 4. Mai 2009 jeweils 6:00 Uhr auf ARTE. Dann wird eine gekürzte Fassung des Konzerts (43 Min.) ausgestrahlt.